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WER EINE ÜBERFLÜSSIGE KLINIK DICHT MACHT, WIRD DAFÜR BELOHNT

Frankfurt/Main (dpa) ,

Das Krankenhaus um die Ecke macht zu? Furchtbar, finden Kommunen und Patienten vor Ort. Gut so, sagen Fachleute aus der Vogelperspektive. Als Anreiz gibt es „Marktaustrittsprämien“.

Der Rheingau-Taunus-Kreis ist in Aufruhr. Der Klinik-Betreiber Helios will das Krankenhaus in Bad Schwalbach schließen. Mit 3550 Patienten pro Jahr und 157 Mitarbeitern ist es ein recht kleines Haus. 318 Kliniken mussten bundesweit in den vergangenen 20 Jahren aufhören. Vor Ort wird das stets scharf kritisiert, aber mit größerem Abstand ändert sich die Einschätzung.

„Wir sind der Ansicht, dass das Krankenhaus von großer Bedeutung für die Versorgung der Bürger ist“, sagt der Sprecher des Rheingau-Taunus-Kreises, Christoph Zehler. Ohne die Helios-Klinik müssten alle Patienten nach Wiesbaden: ein weiter Weg, über verstopfte Straßen, zu überfüllen Notaufnahmen, wie Zehler argumentiert. Es gab Demonstrationen und Bürgerversammlungen, eine Petition und ein Gegengutachten - alles umsonst. Derzeit geht der Kreis davon aus, dass am 31. Mai Schluss ist.

Die Helios Kliniken GmbH, die das Krankenhaus erst 2006 übernommen hat, argumentiert mit zu geringer Nachfrage: „Lediglich 15 Prozent der Patienten im Rheingau-Taunus-Kreis lassen sich in Bad Schwalbach behandeln“, sagt Sprecherin Simone Koch. Von den 110 Betten würden im Schnitt nur 43 gebraucht. Patienten und Rettungsdienste bevorzugten Krankenhäuser, „an denen sie eine größere Bandbreite an Spezialisten vorfinden, bei denen Behandlungen häufiger durchgeführt werden und die über eine umfassende Notfall- und Intensivmedizin verfügen“.

Die Menschen in Bad Schwalbach und vergleichbaren Orten „müssen keine Angst haben“, sagt Prof. Ferdinand M. Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist oft besser, etwas weiter in ein spezialisiertes Krankenhaus zu fahren als ins nächstbeste zu gehen. Ihre Chancen sind in einem größeren Zentrum nachweislich wesentlich besser, da kommt es nicht auf die etwas längere Transportzeit an.“

Vergleichbare Fälle gibt es viele: In Baden-Württemberg schloss nach langem politischen und juristischen Streit die Oberschwabenklinik 2014 ihr Krankenhaus in Isny. Ende 2015 machte bei Hamburg das Krankenhaus Salzhausen dicht - nach 118 Jahren; es war das bundesweit einzige genossenschaftlich geführte Krankenhaus. 2017 gab es in Niedersachsen drei Insolvenzen: die Paracelsus-Kliniken mit Standorten in Osnabrück, Langenhagen und Bad Gandersheim, das Klinikum in Delmenhorst und das Bürgerspital in Einbeck.

„Jeder achtet primär auf sein eigenes Krankenhaus, es gibt zu wenig übergreifendes Denken“, bemängelt Gerlach. Der Frankfurter Professor ist entschieden der Meinung, dass es viel zu viele Krankenhäuser gibt, vor allem in den Ballungszenten: „Das Rhein-Main-Gebiet ist ein Musterbeispiel für stationäre Überversorgung.“ Im November hatte er der „Saarbrücker Zeitung“ gesagt, „wenn wir ein Viertel zumachen würden, würde sich die Qualität nicht verschlechtern“. Dazu steht er bis heute: „Die Zahl war bestimmt nicht zu hoch gegriffen.“

Die Krankenhausgesellschaft lief damals Sturm: Wenn ein Viertel der Kliniken geschlossen würde, „entstünde ein Behandlungsnotstand allererster Ordnung in Deutschland“, keilte die Klinik-Lobby zurück. „In nahezu allen Regionen des Landes haben inzwischen Bürger Probleme beim Zugang zu medizinischer Versorgung.“

Das Forschungsinstitut RWI stützt Gerlachs Position. Der „Krankenhaus Rating Report 2017“ kam zu dem Schluss, dass es immer noch zu viele Kliniken gibt: „Es gibt zu viele kleine Einrichtungen, eine zu hohe Krankenhausdichte und zu wenig Spezialisierung.“ Das Problem: Je weniger Eingriffe, desto weniger Erfahrung, desto größer das Risiko für den Patienten, vor allem bei Komplikationen.

Aus dieser Überlegung heraus gibt es sogar Geld, wenn als überflüssig erachtete Krankenhäuser von der Landkarte verschwinden. Mit einem „Strukturfonds“, in den Bund und Länder je zur Hälfte einzahlen, soll die Umstrukturierung der Kliniklandschaft gefördert werden - sei es durch Umwandlung, Zusammenlegung oder Schließung. Helios will in Bad Schwalbach eine Akutklinik für Psychosomatik ansiedeln, die sich um Krankheiten wie Schwindel, Angst, Schlaf- oder Essstörungen kümmert.

Wie viel Geld Helios dafür bekommt, ist unklar; eine Zahl wollten weder der Konzern noch das Sozialministerium nennen. In den lokalen Medien war von 13,5 Millionen die Rede. Dass ein Klinikkonzern dafür, dass er ein Krankenhaus schließt, auch noch belohnt wird, „das versteht hier eigentlich keiner“, schimpft Landkreis-Sprecher Zehler.

Das hessische Sozialministerium betont, dass die Landespolitik keinen Einfluss darauf hat, wie viele Krankenhäuser es gibt. „Wir schließen keine Kliniken. Das entscheidet allein der Träger“, sagt Ministeriumssprecherin Esther Walter. „Unsere Aufgabe ist es zu prüfen, ob im Falle einer Schließung die medizinische Versorgung in der Region sichergestellt ist.“ Als unverzichtbar gelte eine Klinik, „wenn mindestens 5000 Menschen mehr als 30 Minuten zu einem anderen Allgemeinkrankenhaus mit Notfallversorgung fahren müssen“. Im Fall von Bad Schwalbach sei das nicht der Fall.

Die Auffassung, dass es ganz gut ist, wenn kleine Krankenhäuser verschwinden, teilt man in Hessen übrigens nicht. „Das ist die bundespolitische Perspektive“, sagt Walter.

 

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