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Präventiver Opferschutz: Therapie bevor es zu spät ist

Karlsruhe (dpa) ,

Es geht darum, potenzielle Gewalttäter zu behandeln und so Straftaten zu verhindern. Das Präventionsprogramm ist bundesweit einmalig. Doch die Therapeuten stoßen oft auf einen Mangel an Empathie und ein starres Männlichkeitsbild.

Wenn um Mitternacht das Telefon klingelt, weiß Anna Beckers, dass sie gebraucht wird. Die Psychologin behandelt "Tatgeneigte". Das sind meist Männer, die aufgrund ihrer psychischen Verfassung oder wegen wiederholter Gewaltfantasien eine Straftat begehen könnten. Die 29-Jährige leitet das Präventionsprogramm "Keine Gewalt- und Sexualstraftat begehen", in dem zurzeit 110 Männer behandelt werden. Jeden Monat kommen neun dazu - sie melden sich selbst, können auch ohne Angabe ihres Namens eine Therapie bekommen.

Das 2010 gestartete Programm der Forensischen Ambulanz Baden (FAB) ist ein Projekt der Behandlungs-Initiative Opferschutz (Bios) in Baden-Württemberg. "Das Präventionsprogramm ist in dieser Form einmalig in ganz Deutschland", sagt Bios-Vorsitzender Klaus Michael Böhm, der als Richter am Oberlandesgericht Karlsruhe arbeitet und sich aus dieser Erfahrung heraus für den Opferschutz engagiert.

Ein eher forschungsorientiertes Präventionsprogramm, das vom Berliner Universitätsklinikums Charité ausging, ist auf Pädophile beschränkt. Dies Projekt Namens "Kein Täter werden" gibt es inzwischen auch in Kiel, Hamburg, Stralsund, Hannover, Leipzig, Gießen und Regensburg.

"Wir kümmern uns nicht nur um potenzielle Täter, die einem Kind schaden könnten, sondern auch um potenzielle Vergewaltiger und Gewaltstraftäter bis hin zu häuslicher Gewalt und Stalkern", erklärt Beckers dagegen. "Wir haben auch Tatgeneigte aufgenommen, die an der Charité abgewiesen wurden, von denen aus unserer Sicht aber durchaus ein Risiko ausgeht."

Behandelt werden sie in einer sogenannten deliktorientierten Psychotherapie. Deren Ziel sei es, "den Täter oder Tatgeneigten so weit zu stabilisieren, dass er keine Straftaten begeht und ein zufriedenes Leben in sozialer Verantwortung führen kann", erklärt Heinz Scheurer, der therapeutische Leiter der von Bios eingerichteten Ambulanz. Sie hat acht Außenstellen von Mannheim bis Freiburg.

Die therapeutischen Gespräche mit bereits verurteilten Straftätern beginnen mit einer Deliktrekonstruktion. Was hat zum Delikt geführt? Wie ist es abgelaufen? Wie hat sich der Täter gefühlt? Was waren die Folgen für Opfer und Täter? Dann folgt eine Rückfallprophylaxe: Hier wird untersucht, welche Risikofaktoren noch bestehen und wie diese aufgefangen werden könnten. "Schließlich erkunden wir deliktrelevante Persönlichkeitsmerkmale, etwa eine geringe Steuerungsfähigkeit oder ein schlechtes Selbstwertgefühl", erklärt Scheurer. Die Kosten dafür trägt zumeist das Land.

Das Präventionsprogramm hingegen wird weitgehend vom Verein Bios mit seinen 110 Mitgliedern und aus der Zuweisung von Geldbußen finanziert. "Baden-Württemberg ist in Deutschland zum Musterland für Opferschutz geworden", sagt Richter Böhm. Aber können so wirklich Straftaten verhindert werden? Diese Frage will eine Studie an der Universität Heidelberg beantworten. "Wir wollen untersuchen, ob sich während der Behandlung bei den Probanden Veränderungen in kriminologisch relevanten Merkmalen ergeben", erklärt der Direktor des Instituts für Kriminologie, Dieter Dölling. Eines dieser Merkmale sei die "Selbstkontrolle, die verhindert, dass die Bestrebungen, die sie in sich spüren, zu Delikten führen."

Neigung zur Gewalt ist vielfach mit einem starren Rollenbild verbunden. "Es ist ein Problem, dass viele glauben, einem bestimmten Männlichkeitsbild gerecht werden zu müssen", sagt Scheurer. Positive Fähigkeiten würden oft nicht genug gefördert, kritisiert der 66-jährige Psychologe. "Wir werden eher zu Narzissten erzogen, so dass es vor allem auf Selbstverwirklichung, Macht und bestimmte Statussymbole ankommt. Da kann unsere Klientel schlecht mithalten."

Die Therapeuten erfahren oft, dass es den von ihnen behandelten Menschen an Empathie fehlt. "Wir haben Tatgeneigte, die im Internet den Drang haben, nach kinderpornografischem Material zu suchen", sagt Anna Beckers. "Viele Männer wollen gar nicht verstehen, dass diese Bilder nicht auf den Bäumen wachsen" - und dass Kinder Fürchterliches erleben müssten, damit es solche Bilder gebe.