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Medizin der Zukunft: vernetzter Patient und Arzt als IT-Experte?

Düsseldorf (dpa),

Der vernetzte Patient, der Körperdaten selbst misst und online an den Arzt schickt. Der IT-kompetente Doktor, der seine Diagnose via Videosprechstunde erklärt. Auch im Gesundheitswesen hält die Digitalisierung Einzug. Neuheiten zeigt die Medizinmesse „Medica“.

Der Patient studiert seine Computertomographie, während der Arzt ihm den Befund erläutert. Der Erkrankte sitzt dabei nicht in der Praxis, sondern daheim am PC oder Laptop, in privater Online-Sprechstunde. Eine Patientin fotografiert eine verdächtige Hautstelle mit ihrem Smartphone und schickt das Bild per Mail für eine erste Diagnose an ihren Dermatologen. Oder, als Neuheit auf der weltgrößten Medizinmesse „Medica“ ab Montag in Düsseldorf zu sehen: Bei beunruhigenden Symptomen kann man schnell selbst seine Herzfrequenz messen - mit einer App, einem kleinem EKG-Kabel und vier Mini-Elektroden - und sofort an den Kardiologen senden. 

Die Digitalisierung in der Medizin schreitet voran. „Die digitale Vernetzung ist ein Komplex, der sich durch sämtliche medizinische Bereiche zieht“, sagt „Medica“-Direktor Horst Giesen. Das werde zu weitreichenden Veränderungen führen, betont Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Telematik-Ausschusses der Bundesärztekammer. „Der Patient erhebt selbst Daten und Werte digital, die er dem Arzt mit der Bitte um Einordnung schickt. Perspektivisch muss der Arzt sich auf die Sprechstunden vorbereiten. Das Verhältnis von Arzt und Patient verkehrt sich in gewisser Weise.“ 

Gerade im ländlichen Raum - mit immer weniger Medizinern - sieht der Experte Chancen. „Statt den Patienten nach der Sprechstunde beim Allgemeinmediziner zum Spezialisten zu überweisen, könnte man eine Videokonferenz organisieren - mit Allgemeinmediziner, Facharzt und Patienten - und dabei Befunde und Vorgehen gemeinsam beraten“, erläutert Chirurg Bartmann. Zugleich betont er: „Wir sprechen von einer digitalen Verstärkung, von einer Ergänzung. Präsenzsprechstunden und Behandlungstermine sind weiter erforderlich.“ 

Werden die weniger Technikaffinen nicht abgehängt? Professor Christiane Woopen, Medizinethikerin an der Universität Köln, sagt: „Den Patienten wird bei der guten und sicheren Nutzung digitalisierter medizinischer Maßnahmen eine Kompetenz abverlangt, die sie in der Regel erst einmal erlernen müssen.“ Bei jüngeren Menschen - mit Smart-Geräten aufgewachsen - werde das leichter sein als bei manchen Älteren. Schon bei der Technikentwicklung gelte es, Bedürfnisse und Präferenzen der späteren Nutzer zu berücksichtigen, meint die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. 

Mediziner stehen ebenfalls vor einer Herausforderung. Es gibt auch Vorbehalte und Skepsis. „Nicht alle Ärzte werden diesen Weg mitgehen. Viele befürchten, das etablierte Praxisverfahren könnte irgendwann ersetzt werden“, so Bartmann. Der Mediziner müsse nicht gerade zum IT-Spezialisten werden, jedoch eine  gewisse Kompetenz mitbringen, meint Hans-Peter Bursig vom Fachverband Elektromedizinische Technik.

Darüber verfüge der Arzt aber in der Regel ohnehin.

In der digitalen Welt ist die Entwicklung rasant. Es gibt bereits rund 87 000 Apps für den Fitness-Bereich und mehr als 55 000 medizinische Apps. Unter den Neuheiten der „Medica“ mit fast 5000 Anbietern aus 70 Ländern sollte am Sonntag bei einem Rundgang auch ein kleiner Schlafsensor gezeigt werden, der wie ein Ufo aussieht. Er wird unter der Matratze platziert, erfasst Daten wie Atemaussetzer und schickt sie via Bluetooth zur Auswertung an eine App im Smartphone. Tragbare Minimessgeräte - Health Tracker oder Fitnessarmbänder - sind ein Megatrend. Eine Neuentwicklung für die „Medica“ soll laut Hersteller sogar Emotionen und Stimmungen des Trägers messen können.

Diabetologe Ralph Ziegler sieht viele Vorteile für seine Patienten.

Die Mini-Programme für Smartphones geben Infos über Inhaltsstoffe von Lebensmitteln oder helfen bei der Insulin-Kalkulation. „Die Datenfülle kann mit speziellen Apps besser aufgearbeitet werden.“

Aber: „Man muss in dem Dschungel von Apps die richtigen finden.“

Eine wahre Mess-Wut haben die Apps und Health Tracker ausgelöst, meine einige. „Manche mögen hilfreich sein“, sagte Woopen. Sie sieht aber auch Gefahren: Eine „subtile Gesundheits-Glorifizierung» könnte um sich greifen und die Vorstellungen, was Gesundheit eigentlich ausmacht, auf das reduzieren, „was messbar ist und was die Hersteller dieser Techniken messen wollen“. Sie betont: „Der Mensch ist weit mehr als die Gesamtheit seiner Daten und Gesundheit weit mehr als das, was man in Ziffern und Kurven ausdrücken kann.“