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Autoschrauber und Friseusen: Geschlecht bestimmt weiter Berufswahl

Bielefeld (dpa),

Mädchen für technische Berufe begeistern, Jungen in soziale Jobs locken: Darum geht es bei den Aktionen am Girls' und Boys' Day. Gerade in Ausbildungsberufen leben aber Rollenklischees fort.

Bielefeld (dpa) - Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Autoschrauben statt Haare frisieren, mit Feinmechanik statt Bürojob: So lautet seit 15 Jahren die Anregung des Girls' Day. An diesem Tag öffnen jedes Jahr mehr als 7000 Unternehmen ihre Pforten für Schülerinnen, so auch an diesem Donnerstag. Inzwischen haben rund 1,5 Millionen Mädchen in den eher klassischen Männerberufen einen Tag lang hospitiert.

"Es ist unglaublich spannend, wie sich Technologien entwickeln", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch bei der Auftaktveranstaltung im Kanzleramt. "Nutzt die Chance, eigene Ideen zu verwirklichen", ermutigte sie junge Schülerinnen.

Wer fragt, was diese und andere Initiativen bringen, stellt fest: Noch immer gibt es eine geschlechtsspezifische Berufswahl. Ganz besonders schleppend geht es bei den nicht-akademischen Berufen voran. Eine Bestandsaufnahme.

TYPISCH AZUBINE: Obwohl es mehr als 300 duale Ausbildungsberufe gibt, konzentriert sich mehr als die Hälfte der Mädchen bei der Lehrstellensuche auf ein Spektrum von nur zehn Berufen.

Naturwissenschaftliche oder technische Berufe sucht man in dieser Top-Ten-Liste vergeblich: An der Spitze steht die Einzelhandelskauffrau (8,1 Prozent der jungen Auszubildenden begannen 2013 diese Lehre), es folgen weitere kaufmännische und Dienstleistungs-Berufe - die Friseurin zählt dazu, auch die Hotelfachfrau. Merkel fordert Mädchen auf: "Lasst Euch auf Berufsfelder ein, die ihr noch gar nicht kennt. Und seid einfach neugierig."

TYPISCH AZUBI: Männliche Bewerber entscheiden sich ebenfalls häufig für eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann (4,5 Prozent), an der Spitze der meist gewählten Ausbildungsberufe steht allerdings der Kraftfahrzeugmechaniker (6,1 Prozent). Häufig sind neben kaufmännischen Tätigkeiten Lehren als Industriemechaniker (4 Prozent) oder Elektroniker (3,6 Prozent). Selbst unter den 20 häufigsten Ausbildungen ist kein sozialer Beruf. Nur rund ein Viertel aller Schüler in der Alten- und Krankenpflege ist männlich. Um auch Jungs für soziale Berufe zu begeistern, kam 2011 der Boys' Day zum Girls' Day offiziell hinzu.

TECHNIK BLEIBT DEN FRAUEN EIN ROTES TUCH: Eine aktuelle Datenauswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zu Frauen in sogenannten MINT-Berufen - jenen Tätigkeiten, bei denen Kenntnisse in den Bereichen Mathe, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik erforderlich sind - zeigt: In das Berufsfeld mit wachsender Beschäftigung drängen überproportional viele Frauen. Das große

Aber: Im Technikbereich, wo es besonders viele Jobs gibt, ist die Geschlechterverteilung in den vergangenen 20 Jahren nahezu unverändert geblieben: Der Frauenanteil hat sich laut DGB auf knapp unter 12 Prozent eingependelt. "Da sind riesige Möglichkeiten", sagt Merkel. Aber viele Mädchen machten darum oft auch einen riesigen Bogen. 

TIEFSITZENDE ROLLENKLISCHEES VERUNSICHERN: Junge Menschen, die sich gegen den Trend entschieden, müssten immer noch mit negativen Reaktionen aus ihrem Umfeld rechnen, sagt Ulrike Graff, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Geschlechterpädagogik von der Universität Bielefeld. "Es gibt eine diffuse Sorge, dass sie keine "richtigen" Jungen oder Mädchen mehr sein könnten, wenn er sich etwa für einen Job als Erzieher oder sie für einen technischen Beruf entscheidet." Für Jungen spiele zusätzlich eine Rolle, dass in vielen frauendominierten Berufen die Verdienstmöglichkeiten schlechter sind: "Auch wenn es ein katastrophaler Befund ist: Offenbar gilt weiterhin, dass Frauen es sich in ihrer Zuverdienerrolle eher leisten können, Erzieherin zu sein", sagt Graff.

AUFHOLJAGD IM SCHNECKENTEMPO: Und doch tut sich etwas, aber nur ganz langsam und auf niedrigem Niveau: Einer Auswertung des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit aus dem Jahr 2014 zufolge holen die weiblichen Fachkräfte in manchen Bereichen auf: Waren zum Beispiel im Jahr 2000 nur 3,1 Prozent aller Absolventen einer Lehre in Elektroberufen weiblich, waren es zwölf Jahre später 5,7 Prozent. Im selben Zeitraum verdoppelte sich die Zahl Frauen, die ihren Abschluss in einem Maschinenbau- und wartungsberuf absolvierten auf (immer noch nur) 798 - von insgesamt 16 275 erfolgreichen Prüflingen.

Von sich verändernden Strukturen profitieren nach Ansicht von Geschlechterpädagogin Graff die Unternehmen und Betriebe: "Vielfalt hilft dabei, dass andere Lebenserfahrungen und Herangehensweisen zum Tragen kommen." Mehr Frauen in Unternehmen könnten beispielsweise zu flexibleren Arbeitszeitmodellen führen, von denen auch Familienväter profitierten.