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Aha-Effekte unterm Adler - wie sich der Bundestag Behinderten öffnet

Berlin (dpa),

Hürden gibt es viele für Blinde, Gehörlose oder geistig Behinderte - immer lauter wird der weitere Abbau in Deutschland gefordert. Geht der Bundestag mit gutem Beispiel voran? Ein Rundgang mit Betroffenen.

Endlich ist er im Herzen des deutschen Parlamentarismus - aber Karl Hanstedt kann sich nicht vorstellen, wie es hier aussieht. "Ich sehe nichts - können Sie es beschreiben?", bittet der sehbehinderte Mann auf der Besuchertribüne des Bundestags die Führerin seiner Gruppe. Das tut Nicole Sonne, sie weiß, dass vor ihr Menschen mit Behinderungen versammelt sind. Der Bundestag erweist sich in dem Moment als Vorbild für den derzeit laut geforderten Abbau der vielen Barrieren für Beeinträchtigte. In Deutschland liegt hier noch einiges im Argen - wie offen ist das Parlament für Behinderte?

Nicole Sonne, die für den Besucherdienst des Bundestags arbeitet, beschreibt den Plenarsaal. "Das ist sehr moderne Hightech-Architektur, viel Stahl, viel Glas, fast kein Holz", sagt sie. Sie beschreibt die Sitzreihen, die Tribünen. "Wir haben hier einen großen Adler hängen, der ist aus Aluminium." Hanstedt wendet den Kopf, für ihn rundet sich das Bild.

Rampen für Rollstuhlfahrer, Gebärdensprache für Gehörlose, Texte in extra leicht verständlicher Sprache sind nur einige der Ziele der UN-Behinderten-Rechts-Konvention. Betroffene sollen auch Kinder und Familie haben können, eine Schule für alle ist ein Riesenthema, es geht um Arbeitsplätze oder Schutz vor Gewalt. Vieles ist noch lange nicht erreicht, kritisiert nicht nur eine Allianz von 78 Vereinen in Deutschland. Erst Anfang April gab es eine lange Bundestagsdebatte über die Forderung nach einem Sofortprogramm in Deutschland. In rund zwei Jahren will die Regierung ein Teilhabegesetz fertig haben.

"Die Umsetzung der Behinderten-Rechts-Konvention ist eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre", sagt die in dem Bereich engagierte Bundestags-Vizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD). Die frühere Gesundheitsministerin setzt sich derzeit für weitere Verbesserungen im Parlament selbst ein. Viel sei auch schon passiert.

So sind die Parlamentsgebäude ohne Barrieren für Rollstühle. Auch wenn es beim Reichstagsgebäude nicht einfach war, wie Nicole Sonne ihrer Gruppe aus Lüneburg erläutert - immerhin stammt es von 1894.

Heute kann man auch das Rednerpult auf Sitzhöhe absenken, so wie es etwa geschieht, wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble spricht.

Sonne fragt die Gruppe, in der auch geistig Behinderte sind, ein paar Sachen. "Unter dem Adler sitzt der Präsident", sagt sie, "der Präsident des Bundestags heißt Norbert Lammert - haben Sie den Namen schon einmal gehört?" Murmeln und Nicken. Sonne deutet auf den Stuhl mit der erhöhten Lehne rechts vorn auf der Regierungsbank. "Und hier sitzt die Kanzlerin Dr. Angela Merkel - wer kennt sie nicht?"

"Ich kenne Angela Merkel, aber nicht Dr.", sagt einer. Dass die Kanzlerin Dr. ist, wüssten viele nicht, meint Sonne freundlich. Sie fragt: Welche Fraktionen gibt es? Wer bestimmt in Deutschland eigentlich über die Erhöhung von Kindergeld oder die Entsendung von Soldaten? Die Gruppe macht mit, es gibt Lacher und Aha-Effekte. Sonne reicht Abstimmkarten herum. Man kann sie auch ertasten.

"Diese Menschen sind genauso interessiert", sagt die SPD-Abgeordnete Hiltrud Lotze, aus deren Wahlkreis die Gruppe kommt. "Es ist wichtig, dass sie auch gleich berücksichtigt werden." Nun geht es durch eine kleine Sicherheitsschleuse zum Aufzug - zur berühmten Glaskuppel. Dort stehen Audioguides bereit - auch spezielle Blinden-Guides mit Zusatztext und Tastkarten, die in Kästen zum Umhängen stecken.

Auf www.bundestag.de gibt es schon Informationen in leichter und neuerdings auch Gebärdensprache. Was fehlt noch? Etwa Sitzungssäle, die im Notfall auch mit mehreren Rollstuhlfahrern schnell geräumt werden könnten - oder Besucher-Guides in der leicht verständlichen Sprache. Die sollen kommen und im Mai vorgestellt werden.

Und wie fand es nun Karl Hanstedt im Bundestag? Der ehemalige Landwirt, der seit 20 Jahren sehbehindert ist, sagt: "Es war beeindruckend, weil ich mir die Dimensionen viel besser vorstellen kann." Ein wenig sieht er noch, an den Rändern des Gesichtsfelds. Auch Nicole Sonnes Beschreibungen halfen ihm. Nur mit dem Blinden-Guide kam Hanstedt nicht zurecht. Er war ihm auch zu schwer.